Afrika schluckt unseren Müll
Verena Verbic leitet ein Krankenhaus in Port-Gentil und malt ein Bild wo Materialströme von westlichen Industrienationen enden können.
Afrika schluckt unseren Müll
Fährt man durch Port-Gentil, fällt einem als Europäerin eines sofort auf: die unglaubliche Menge an alten, nach unseren Maßstäben sicher nicht mehr fahrtauglichen Autos, die vorzugsweise als Taxis das ersetzen, was man gemeinhin unter öffentlichem Verkehr versteht. Sie gewährleisten tausenden Menschen jeden Tag Mobilität, jenen, die zu wenig verdienen, um sich ein eigenes Auto kaufen zu können. Doch ist das wirklich ein Segen für Gabun?
Gabun, Schwellenland in West/Zentralafrika ist reich, sehr reich aufgrund seiner Ölvorkommen, seines Bestands an Tropenholz und seiner Uranvorkommen. Doch wie beinahe überall, ist der Reichtum nicht gerecht verteilt, dem Großteil der Bevölkerung mangelt es an Zugang zu sauberem Trinkwasser und zu sanitären Einrichtungen. Der Einkommensunterschied zwischen sehr gut verdienenden Expats, die meisten für Erdölfirmen tätig, und der indigenen Bevölkerung könnte nicht grösser sein.
Man muss nicht lange nach der Herkunft der Taxis suchen: vergilbte Aufkleber mit dem Österreichern bestens bekannten A stehen vor einem im morgendlichen Stau. An der Ampel hält ein Taxi mit dem Emblem von „Toyota Hecher – Stainz“ vor mir. Aber auch aus Deutschland und Belgien stammen offensichtlich viele der Rostlauben, bevorzugter weise Toyotas, die sich oft völlig überfüllt durch eine Wolke aus Abgasen schieben. Recherchiert man dennoch ein wenig im Internet über Exportzahlen für Gebrauchtwagen aus Europa nach Westafrika, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus : wohl dank der Abwrackprämie haben sich die Exporte aus Deutschland zwar insgesamt verringert, der Anteil der nach Afrika exportierten Gebrauchtwagen hat sich aber TROTZ dieser Prämie im vergangenen Jahr um 20% erhöht! Der durchschnittliche Wert der nach Afrika exportierten Wagen betrug um die 2.000 Euro, womit sich einfach ein Schluss auf den technischen Zustand der Wagen, vor allem aber auf ihren CO2 –Ausstoß ziehen lässt.
Doch damit nicht genug: in Afrika gibt es kaum Infrastruktur für Recycling, Altstoffsammlung, Gefahrengutsammlung und so weiter. Was hier einerseits an wertvollen Metallen verrottet und andererseits an Altöl und anderen gefährlichen Stoffen ins Grundwasser sickert, möchte man sich gar nicht ausmalen.
Nimmt Europa seine Klimaabkommen und Recyclingbemühungen ernst, kann es nicht weiter nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ handeln, und Afrika wieder einmal doppelt bezahlen lassen: einerseits für völlig veraltete Autos und Geräte mit veralteter Technik, die in Europa keiner Umweltverträglichkeitsprüfung mehr standhalten würden, und andererseits für die Schäden, die hier vor Ort der Bevölkerung und der Umwelt entstehen.
Allen, die sich in dieses sicher brisante und interessante Thema einlesen wollen, sei hiermit eine Studie des Deutschen Umweltbundesamtes empfohlen:
Verbesserung der
Edelmetallkreisläufe:
Analyse der Exportströme
von Gebraucht-Pkw und –
Elektro(nik)geräten am
Hamburger Hafen
(Buchert et al., 2007)